Fluchtwege

Sie müssen kein Held sein

Zivilcourage ist ein kostbares Gut für unsere Gesellschaft.

Ein Interview von Markus Leist

Aktuelle Studien zeigen, dass fast jeder zweite Deutsche schon einmal körperliche Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit miterlebt hat. Opfer solcher Attacken brauchen Menschen, die für sie einstehen und Zivilcourage zeigen. Doch wie lässt sich zivilcouragiertes Verhalten konkret umsetzen?
 Kai Jonas, Mitglied der Lichterkette. , Assistent-Professor für Sozialpsychologie an der Universität Amsterdam, gibt Antworten.
 


Foto: People Picture / Willi Schneider

Foto: People Picture / Willi Schneider

Was bedeutet für Sie Zivilcourage?
 
 Für mich bedeutet dies Einsatz für körperlich oder psychisch bedrohte Menschen, auf Basis universeller Menschenrechte. Wichtig ist mir, dass der Begriff nicht endlos ausgedehnt wird. Flugblätter verteilen war beispielsweise für die Geschwister Scholl noch ein Akt der Zivilcourage, heute ist es das nicht mehr, sondern freie Meinungsäußerung.
 
 Gibt es in unserem Rechtsstaat genug Zivilcourage?
 
 Nein, wir brauchen sie heute um dem staatlichen Handeln Grenzen aufzuzeigen, so wie beispielsweise beim Kirchenasyl.
 Der Staat und seine Organe können nicht in allen gesellschaftlichen Krisen regulierend anwesend sein. So wäre bei fremdenfeindlichen Witzen des Onkels auf der Familienfeier staatliches Engagement unangemessen.
 

Viele sind in öffentlichen Verkehrsmitteln nur mit Ihrem Smartphone beschäftigt. Wie wirkt sich dieses Verhalten aus?
 
 Das ist an sich ganz einfach: Wer um sich herum die Menschen nicht wahrnimmt, der übersieht auch leicht brenzlige Situationen. Andererseits, Zivilcourage bedeutet auch, Zeuge sein und nicht wegsehen. Dann kann ich zumindest die Polizei rufen oder ein Foto des Täters machen.
 
 Gibt es bestimmte Voraussetzungen die jemand mitbringen muss, der Zivilcourage zeigen möchte?
 
 Keine! Ein Teilnehmer unserer Trainings, ein schmächtige Rentner erzählte mir einmal, dass im Zug eine Gruppe rechtsradikale Lieder und Parolen grölte. Keiner hat etwas unternommen. Dann stand er auf, ging zu der Gruppe hin und stellte sich als der Vorsitzende der örtlichen NPD vor und dass das Verhalten der Gruppe „unsere Sache“ sehr schaden würde. Ab sofort war Ruhe im Abteil.
 
 Empfehlen Sie dieses Verhalten?
 
 Dieses Beispiel zeigt es deutlich. Richtiges Verhalten ist häufig schon, den Konflikt zu vermeiden, überraschend zu Handeln und sich so Freiräume zu schaffen. Wir nennen das „paradoxe Intervention“. Wichtig ist, nicht alleine zu handeln, sondern sich wenn möglich vorab mit Verbündeten abzusprechen: „Wir gehen da jetzt gemeinsam hin!“, oder „Sie rufen jetzt die Polizei!“. Niemand muss den Held spielen. Zivilcourage bedeutet nicht, sich selbst zu gefährden. Opferorientierung ist daher wichtiger, als die Täter zu überwältigen. Eine Konfrontation mit dem Täter würde die Eskalationsspirale nur steigern.
 
  Viele habe die Vorstellung, sie müssten Helden sein. Stimmt das?
 
 Zivilcourage braucht keine Helden. Meistens scheitern diese Fälle tragisch und kommen daher in die Medien. Erfolgreiche Zivilcourage existiert oft im Stillen. Ich war in einigen Komitees für Zivilcourage-Preise. Mehr als einmal wollten die angedachten Preisträger den Preis nicht entgegen nehmen. Sie wollten nicht als Helden dargestellt werden.
 
 Wie weit sollte Zivilcourage gehen?
 
 Zivilcourage erfordert keine Selbstgefährdung. Das Problem ist, dass vielen Menschen, die Eingreifen, dieses Risiko nicht bewusst ist. Sie haben zu wenig Erfahrung mit dem Eskalationspotential solcher Situationen.
 Sinnvoll sind folgende Verhaltensregeln: Erstens: Wenn möglich, nie alleine eingreifen. Zweitens: In erster Linie opferorientiert eingreifen. Drittens: Paradoxe Situationen erzeugen um somit die Handlungsspielräume zu erweitern. Viertens: Zivilcourage ist auch, die Polizei zu alarmieren und sich als Zeuge zur Verfügung zu stellen.
 

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