Fluchtwege

Ein Leben auf der Flucht

75 Jahre nach Kriegsanfang empfindet der jüdische Emigrant Harry Raymon seinen Alltag noch immer nicht als sicher

Ein Portrait von Christina Schiffler

Anders als die anderen zu sein, nicht dazu zu gehören. Dieses Gefühl kennt Harry Raymon seit früher Kindheit. Spätestens als die Erwachsenen den Fünfjährigen „Esau“ rufen, weil er so stark behaarte Arme hat, wird es ihm bewusst. Lange sind es weder die Emigration in die USA noch die Rückkehr ins besiegte Deutschland, die ihn darin bestätigt haben. Auch nicht die Anfang der 50er Jahre entdeckte Homosexualität. Tatsächlich ist es die fehlende Sicherheit. Noch heute, mit 88 Jahren, ist er täglich auf der Flucht – vor sich selbst.


Harry Raymon vor einem Relikt aus der Zeit als Pantomime

Harry Raymon vor einem Relikt
 aus der Zeit als Pantomime

 

Harry Raymon, Schauspieler, Regisseur, Tänzer, hält sich gerade. Das immer noch volle, schlohweiße Haar trägt er millimeterkurz – bis auf die Stirnlocken. Sie kringeln sich in Richtung der leicht milchig werdenden blauen Augen. Der ebenfalls weiße Schnurrbart, gebügeltes T-Shirt, Chinos und elegante Slipper runden das Gesamtbild des gepflegten älteren Herren ab. Harry empfängt zuhause. Der 88-Jährige pflegt Kommunikation auf Vornamen-Basis. Sein Deutsch hat einen minimalen Akzent, die Sätze durchwirkt er sparsam mit englischem Vokabular. Er lebt allein in einer mit ihm in die Jahre gekommenen Altbauwohnung im Gärtnerplatzviertel. Münchens Hort für Homosexuelle und Künstler. In Geh-Nähe das Schwulenzentrum, der „Ochsengarten“, Münchens erste Lederkneipe und der rosa Mythos „Deutsche Eiche“.

Als Schwuler der perfekte Charakterdarsteller

H.R. bei sich zuhause

H.R. bei sich zuhause

Harry hat seine Sexualität spät entdeckt. Natürlich war er oft verliebt – in Männer. Aber das schien ihm normal. Wer mit Marlon Brando und Tony Curtis Schauspielkurse von Erwin Piscator in New York besucht hat, mag das vielleicht so empfinden. So musste der jüdisch Erzogene: „Sex hast du erst mit der, die du heiratest“, verführt werden, um ein für alle Mal zu erkennen, dass er schwul ist. Das war 1953 und Harry bereits 27 Jahre alt. Seitdem liebt er Männer. Vor dem Gesetz, dem berüchtigten Paragrafen 175, hatte er nie Angst. Und auch in seinem Job habe er seine Sexualität nicht als problematisch empfunden. Sein Bühnenfach war immer das des Charakterdarstellers und nicht der „Liebhaber“. Dass er Schauspieler geworden ist, weil er sich so ständig verwandeln konnte, ordnet er heute als eine Flucht vor sich selbst ein.

Nach Europa gehen war eine Flucht aus New York

H.R.s erster Pass als US-Bürger

H.R.s erster Pass als US-Bürger

Früh hat er entdeckt, dass er darstellerisches Talent hat. Sich für Aufträge anzubieten fiel und fällt ihm aber unendlich schwer. Dazu kommt, dass ihm die Großstadt New York Angst machte. Während der Zwanzigjährige wochentags dort lebte und seine Schauspiel- und Tanzkurse besuchte, floh er am freien Wochenende zu den Eltern auf die Hühnerfarm nach New Jersey. Ein weiterer verhasster Ort. Harry muss eine Entscheidung treffen: Er flüchtet aus New York, geht nach Europa. Das Ziel ist Paris. Er will eine Ausbildung zum Pantomimen absolvieren. Stattdessen landet er an der Musikhochschule in Stuttgart. Spielt, tanzt und singt. Während Harry Raymon, Geburtsname Heymann, davon erzählt, wirkt er sachlich. Es ist mittlerweile mehr die Reflektion über das Erlebte, die ihn interessiert. Und die Erkenntnis, dass sein Leben tatsächlich ein von Fluchten geprägtes ist.

Auszug aus der Heimat

H.R. mit seinem Vater

H.R. mit seinem Vater

Gefragt hat ihn niemand, ob er mitgehen wolle in das gelobte Land USA. Die Mutter hatte bereits 1933 erkannt, dass ein Leben in Deutschland dauerhaft nicht sicher sein könne. Harry begreift das schmerzhaft, als sie ihm die Segelohren mit Heftpflaster an den Kopf klebt. Das Propaganda-Plakat mit dem fetten Juden, der mit seinen riesigen abstehenden Ohren und der großen Hakennase als Inkarnation der Gier seine Kunden bedroht, gibt dem Schmerz und der Furcht des Achtjährigen ein neues Gesicht. Die Familie beantragt Ausreisepapiere. Zwischenstation wird Köln. Seine Erinnerungen an diese Zeit sind gefärbt. Die Goldtaler, die die Mutter verbotenerweise in großen Knöpfen versteckt an ein Kleid nähte. Die tagelange Übelkeit auf der Überfahrt. Es sind Stichworte, die der Wahlmünchner nennt. Ausführlich berichtet er über die Flucht aus der Heimat im Hunsrück in Romanform. 1981 hat er einen Spielfilm darüber gedreht.

Termindruck

Harry wirkt unkonzentriert. Er hat eine Verabredung zum Essen, ist schon verspätet. Das Gespräch über seine Lebensfluchten hat sich erschöpft. Er will mir noch ein Kapitel aus einem seiner Projekte ausdrucken. Das Schreiben ist seine Therapie. Seine Flucht aus einem einsamen Alltag. Gerade sind es Tiergeschichten für Kinder. Rasch öffnet er das Fenster, prüft die Außentemperatur und wirft sich einen leichten Wollpullover über die Schultern. Seine Schritte sind fest. Zielstrebig geht er durch sein Viertel. Gegenüber der „Deutschen Eiche“ bleibt er stehen. Ein Winken Richtung Freunde, ein Küsschen zum Abschied. Dann überquert Harry Raymon die Straße – und scheint ganz bei sich selbst.

Harry Raymon, geboren am 9. Januar 1926 in Kirchberg im Hunsrück, als Sohn der jüdischen Tuchhändler Max und Rosel Heymann. Die Familie emigrierte 1936 nach New York, später gingen sie nach New Jersey, bewirtschafteten eine Hühnerfarm. Harry wurde mit 18 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen und nach Europa geschickt. Nach dem Krieg machte er eine Tanz- und Schauspielausbildung in New York. 1948 ging er nach Europa zurück, studierte an der Stuttgarter Musikhochschule. Später zog er nach Berlin, arbeitete als Schauspieler, Synchronsprecher, Regisseur, Autor und Model. 1982 kam sein Spielfilm „Regentropfen“ ins Kino, 2005 erschien der autobiographische Roman „Einmal Exil und zurück“, 2012 widmete ihm das „Schwule Museum Berlin“ eine Ausstellung. Sein jüngster Auftrag: die Rolle des Großvaters für einen ALDI-Prospekt. Harry Raymon lebt seit 40 Jahren in München und ist Single.
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