Fluchtwege

Warum Veganer nicht vor der Wiesn flüchten

Auf zum nachhaltigen Oktoberfest!

Eine Glosse von Andreas Pieronczyk


Andreas Pieronczyk in veganfreier Lederhose

Andreas Pieronczyk
 in veganfreier Lederhose
 

Da fragen mich Freunde, ob ich auf die Wiesn mitkomme und entschuldigen sich im selben Moment dafür mit den Worten: 'Oh tut mir Leid, du bist ja Veganer. Da ist die Wiesn nix für dich'. Da kommt einem vor Wut schonmal die Kürbissuppe hoch. Nur weil ich auf meinem Balkon Tomaten und Chillis züchte, heißt das doch nicht, dass ich mir den Wiesnspaß entgehen lasse. Ich würde mich ärgern, das kollektive Besäufnis in überfüllten Zelten zu verpassen. Wie könnte ich auf den Klang tiefgründiger Biergesänge verzichten? Es gibt für einen Veganer nichts Schöneres als zwischen Menschen zu stehen, die die Haut von Tieren am Körper tragen, weil es eben Tradition ist. Es gibt nichts Herrlicheres als sich an einem Ort der Freude aufzuhalten, an dem sich hunderte Ochsenleiber an Spießen über dem Feuer drehen. Hier weiß man, was man bekommt. Das Fleisch auf dem Teller hat einen Namen. Markus, Lisa, Emma oder auch Christoph steht auf den Schildern über der Fleischtheke geschrieben. Man könnte auch ein R.I.P. daneben schreiben, um das Bild eines drehenden Grabes noch etwas zu verdeutlichen. Aber für „Roast In Peace“ bleibt keine Zeit, denn dafür ist der Hunger der Wiesnmäuler zu groß.

Veganismus etabliert sich in München

Zwiebeltürme der Frauenkirche

Zwiebeltürme der Frauenkirche

Veganismus ist längst nicht mehr nur eine Sache der Gesundheit oder der Vernunft, sondern auch ein Imagefaktor, eine Art Lifestyle, ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit. Wer Vegan ist, muss nicht im Bauwagen seines Schrebergartens leben, um sich dort von selbstangebauten Gemüse zu ernähren. Auch eine Stadt wie München bietet hier Lebensqualität. Gibt man bei Google die Worte Vegan und München ein, findet man mehr als 568.000 Einträge. Das spricht für ein großes Interesse an der nachhaltigen Lebensweise in der Landeshauptstadt. Außerdem gibt es rund 200 Einrichtungen, darunter Restaurants, Bistros und Supermärkte, die vegane Speisen in München anbieten. Laut einer aktuellen Emnid-Umfrage wollen 51 Prozent der Deutschen in Zukunft weniger Fleisch essen. Allein in Deutschland leben sieben Millionen Vegetarier, davon sind 800.000 Veganer. Das schreit doch nach einem Umdenken.

Auch die Wiesn kann vegan

Veganes Wiesngericht: Sojamedaillon in Biersoße und Reherl

Veganes Wiesngericht: Sojamedaillon in Biersoße und Reherl

So sind wir eben, wir Veganer. Andersdenkend. Rebellierend gegen die konventionelle Ernährung, Krieger der Nachhaltigkeit. Wir tragen aus Überzeugung Segeltuchschuhe und kippen uns morgens einen Schuss Reismilch in den Kaffee. Und an sonnigen Tagen werfen wir unser liebevoll mariniertes Tofusteak auf den Grill. Na und? Wir haben trotzdem Spaß am Leben. Aber nur weil wir anders denken, flüchten wir nicht vor der Wiesn. Es mag schon sein, dass das gängige kulinarische Angebot auf dem Münchner Oktoberfest einem Veganer auf dem Magen schlägt. Aber ein Besuch auf dem Oktoberfest, geht auch ohne Schweinshaxn, Hendl und Ochsenbraten. Dafür reicht ein Abstecher auf die Oide Wiesn. Statt dem O’bazdn gibt es hier eben einen veganen Bio-Kürbisaufstrich auf die Brezn. Statt dem Ochsenbraten kommt ein Tofu-Steak mit Kartoffelgemüse auf den Teller. Sojapflanzerl in Biersoße und Saitan-Hühnerfrikassee runden das Angebot ab. Die Wiesn kann also endlich auch vegan, wenn man nur richtig sucht und mal nachfragt. Aber das beste, vegane Wiesn-Produkt ist und bleibt das bayrische Bier. Kein Tier muss für die Herstellung leiden. Schließlich müssen deutsche und österreichische Biersorten dank des geltenden Reinheitsgebotes vegan sein. Wasser, Gerste, Hopfen, Hefe und Malz lauten die Zutaten. Na gut, vielleicht würde die eine oder andere Hefebakterie da anders denken. Wenn man es ganz genau nimmt, sind die nämlich auch kleine Tierchen. Allerdings: Da können wir Veganer mal zwei Augen zudrücken.

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