Fluchtwege

Menschenleer

Flucht ins Freibad: bei kaltem Wetter

Eine Reportage von Barbara Geisler

Mitte August – Sommerferien, Hochsaison im Schwabinger Ungererbad. Es ist kalt an diesem Samstagmorgen, gerade mal 16 Grad Lufttemperatur. Das graublaue Wasser schlägt sanfte Wellen und gluckert vor sich hin. Es schimmert genauso dunkel wie der Himmel. Und der ist trübe.


Eine Schwimmerin zieht einsam ihre Bahnen

Eine Schwimmerin zieht einsam ihre Bahnen

9 Uhr. Sandra Gerstner springt ins Wasser und taucht sofort wieder auf. Schnell krault sie bis ans Ende des Beckens. Ihre blaue Bademütze blitzt. „Ich liebe das Schwimmen“, sagt Gerstner und ein Lächeln überzieht ihr junges Gesicht. „Ich schwimme heute eine halbe Stunde. Danach gehe ich auf die Hochzeit meiner Freunde.“ Für die Hochzeit ist die 35-Jährige von Tübingen nach München gereist. Zuhause geht Sandra Gerstner vier Mal in der Woche schwimmen.
 
 Das Schwabinger Ungererbad wurde Ende des 19. Jahrhunderts erbaut. Es liegt in einem großen Park mit vielen alten Bäumen, die im Sommer Schatten spenden. Der Würmkanal, ein kleiner Bach, fließt durch den Park. Gebadet werden darf im Würmkanal nicht, sondern nur in den Schwimmbecken des Ungererbades. Davon gibt es vier, die zusammen die Größe eines Fußballfeldes haben. Das Hauptbecken, auch Kaiserbecken genannt, hat einen drei Meter hohen Sprungturm. Daneben befindet sich ein kleineres Becken mit schneckenförmiger, gelber Rutsche, das Luitpoldsee heißt. Außerdem gibt es ein kleines Becken, dem Mariensee, in dem ein Wasserpilz und -fall sowie ein Strömungskanal die Badegäste einlädt. Das vierte Becken ist das Planschbecken für Kinder mit einer kleinen, blauen Rutsche.
 
 Nicht nur die Tübingerin krault seit 9 Uhr im Kaiserbecken. Auch eine 60-jährige Dame mit brauner Schildmütze zieht ihre Bahnen. „Es ist ein Traum morgens bei diesem kalten Wetter ein leeres Schwimmbad zu haben“, freut sie sich in einer Pause. Beruflich sitze sie sehr viel am Schreibtisch und im Auto. Daher brauche sie einen Ausgleich, teilt sie mit bayerischem Akzent mit. „1000 Meter will ich heute schwimmen“, lacht die Dame und zieht weiter ihre Bahnen. Beobachtet werden die wenigen Schwimmer im 24 Grad warmen Wasser von drei Bademeistern. Die drei fläzen entspannt mit ausgestreckten Beinen vor ihrem hellblauen Häuschen.
 

Die Liegewiese ist leer bis auf den Rasenmäher

Die Liegewiese ist leer bis auf den Rasenmäher

10 Uhr. Die Lufttemperatur beträgt 17 Grad. Doch es ist immer noch zu kühl, um es sich auf der Liegewiese gemütlich zu machen. Stattdessen fährt ein Rasenmäher über das Grün. „Der viele Regen der letzten Tage lässt den Rasen sprießen, es ist dringend nötig, ihn zu schneiden“, sagt der Schwimmbadleiter, der sich gerade aus seinem Mähfahrzeug schwingt. Duft von frisch geschnittenem Gras liegt in der Luft.
 
 Davon bekommen die Schwimmer im Kaiserbecken nichts mit. Außer ihnen ist sonst niemand im Bad. Keiner spielt Fußball oder Beachvolleyball. Die Tischtennisplatten stehen einsam da. Die Trampolinanlage ist verriegelt, der Kiosk geschlossen. „Zu wenig Betrieb“, ruft ein Bademeister in schwarzem Trainingsanzug. Und auch die grauhaarige Kassenfrau in ihrem Häuschen schaut gelangweilt drein.
 
 10.30 Uhr. Das trübe Wetter hat sich geändert: Die Sonne kämpft sich jetzt durch den bewölkten Himmel und schickt ihre Strahlen auf den nassen Rasen. Die mächtigen Bäume werfen Schatten. Zwei Kinder, Felizia und Moritz, stürmen ins Bad. Im Schlepptau folgen die Eltern. „Wir kommen seit 20 Jahren ins Bad, gerne bei diesem Wetter. Dann ist das Bad leer und ab und zu scheint sogar die Sonne“, erklärt die Mutter. Ihre 10-jährige Tochter und ihr 8-jähriger Sohn freuen sich auf den Strömungskanal im Mariensee. „Der Bademeister schaltet ihn ein, wenn wir ins Wasser gehen.“
 
 Mittlerweile haben die Frühschwimmer das Bad verlassen. Ein paar neue Gäste – meist Senioren – durchschneiden jetzt die Fluten. Die drei Bademeister beobachten die fünf Schwimmer, die ihre Schwimmzüge genießen und den Platz im Becken auskosten. Leer ist auch die Liegewiese. Einzig zwei Raben schnappen nach Brotstückchen, die ihnen die Kassenfrau zuwirft.
 
 11 Uhr. Nahe dem Kassenhäuschen wartet Thomas Lundeen, ein 60 Jahre alter Schwede mit orangefarbener Sonnenbrille. Er hat die Hände in den Hosentaschen seiner schwarzen Trainingshose vergraben. „Ich gehe bei dieser Kälte nicht ins Wasser, aber meine Frau“, sagt er auf Englisch. „Sie will ein paar Bahnen schwimmen. Das macht sie jeden Morgen.“ Seine Frau wirft ein: „Das Wetter in München ist zur Zeit sehr kalt, in Schweden ist es dagegen sehr heiß und trocken.“
 
 11.30 Uhr. Die Dame von der Kasse hat ihr Basilikumstöckchen ans offene Fenster gestellt. Es fängt jetzt besser das Sonnenlicht ein. Um sich die Zeit zu vertreiben, putzt sie ihre Fensterbank. Dann geht sie zum Drehkreuz und reinigt es gründlich. Sie schaut sich die Liegestühle aus Stoff an, die an der Wand lehnen. Keiner der Badegäste leiht sich heute einen aus. Der Schwimmbadleiter steigt wieder in seinen Rasenmäher und fährt auf dem feuchten Rasen in Richtung Hauptbecken. Das Wasser glitzert in der Sonne.
 
 Knapp 30 Badegäste besuchten das Ungererbad in Schwabing an diesem Vormittag. Bei heißen Temperaturen sind es bis zu 10.000.
 
 Zum Autorenporträt von Barbara Geisler
 

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