Fluchtwege

Rien ne va plus – nichts geht mehr

Die Anzahl süchtiger Spieler in Deutschland ist deutlich auf über 400.000 angestiegen.
 Spielhallen sprießen an jeder Ecke - in Bayern gibt es derzeit 1.100 Spielhallenstandorte*
 

Ein Feature von Thomas Porzner

Jede Sucht ist immer auch eine Flucht vor der Realität. Spielsucht endet dabei zusätzlich in einer finanziellen Misere. Erst viel zu spät wachen Betroffene auf und wollen handeln. Auf dem Weg aus der Sucht und zurück in ein abstinentes Leben helfen die regelmäßigen Besuche bei einer Selbsthilfegruppe.


Die Treffen der Anonymen Spieler

Das Selbsthilfezentrum im Münchner Westend steht allen Betroffenen und Angehörigen offen

Das Selbsthilfezentrum im Münchner Westend
 steht allen Betroffenen und Angehörigen offen
 

Im Münchner Westend haben sich an einem Freitagabend sieben Männer verabredet. Sie begrüßen sich herzlich, während ein brauner Labrador um ihre Beine streift. Aber es sind keine Kumpels, die sich zu einem Feierabendbier getroffen haben. Es sind Mitglieder der Selbsthilfegruppe „Anonyme Spieler“, die im Selbsthilfezentrum ihr wöchentliches Treffen abhalten. Die Männer zwischen Mitte 30 und Ende 50 sind hier, um gemeinsam ihren Zwang zum Spielen in den Griff zu bekommen.
 
 Seit 2001 gilt das Pathologische Glücksspiel, so die wissenschaftliche Bezeichnung, als anerkannte Krankheit. Die Männer sind sich ihrer Abhängigkeit bewusst. Hundebesitzer Martin, 49, erklärt, dass er sich das mit jeder Begrüßung „Hallo, ich bin Martin und ich bin spielsüchtig“, immer ein Stück mehr eingestehe.
 
 Beim pathologischen Spielen geht es um kommerzielle Glücksspiele, Sportwetten und Lotterien. Weit verheerender ist jedoch das Spielen an Automaten in Spielhallen oder am Casinotisch. Laut aktueller Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wächst der Anteil derer, die an Geldspielautomaten zocken. Rund 438.000 Deutsche sind demnach spielsüchtig.
 

Wenn Spielen zur Sucht wird

Das Spiel mit dem Glück wird schnell zur Sucht

Das Spiel mit dem Glück wird schnell zur Sucht

Meistens beginnt alles ganz harmlos. Am Anfang probiert das jeder mal aus, so wie man auch das erste Bier trinkt. „An vielen Dingen bleibe ich nicht hängen, an diesen eben schon.“ schildert Martin. Es war der Kick, das Adrenalin und das Wohlfühlen in der Spielumgebung. Diese Maschinen sind sehr durchtrieben konstruiert und hätten etwas hypnotisches, ergänzt er. „Herunterfallende Symbole von links nach rechts, bäm bam. Ich war wie im Rausch.“
 
 Stefan Fischer, Einrichtungsleiter und Suchttherapeut beim Blauen Kreuz München, erklärt das so: „Automatensucht ist eine attraktive Art aus einer als unerträglich erlebten Wirklichkeit zu entfliehen. Daher ist es für viele Betroffene schwierig nicht mehr zu spielen, weil ihnen konstruktive Alternativen fehlen, um abschalten zu können.“
 
 Auffällig wird die Sucht, wenn die alltäglichen Interessen vernachlässigt werden und das Zeitgefühl verloren geht. „Oft saß ich bei sonnigem Wetter in dunklen Spielhallen, während meine Freunde am See lagen“, gesteht Holger, 38.
 

Selbsthilfegruppe als Therapie

Ein Teufelskreis. Entweder geht es darum das verlorene Geld zurückzuholen oder den Gewinn zu steigern. Plötzlich kann man nicht mehr aufhören. Erst der Leidensdruck veranlasste die Spieler aktiv zu werden. Dieser Druck macht sich körperlich oder seelisch bemerkbar, in jedem Fall aber auf dem Konto. „Ich war mit der Miete zwei Monate im Rückstand“, bestätigt Chris, 43.
 
 Der erste Schritt in eine Selbsthilfegruppe fällt nicht leicht. Bert, 58, resümiert: „Ich bin seit zehn Jahren hier und die Gruppe erinnert mich stets an meine Krankheit, ein Leben lang.“ Die gegenseitige Kontrolle ist mit klaren Regeln verbunden. „Wir sind ehrlich zueinander und sagen uns, wo wir sind, nicht, wo wir gerne sein möchten.“ In Lügen hatten sie sich lange genug verstrickt: Ausreden, wo man gestern Abend gewesen sei. Krank melden, wenn man um fünf Uhr aus der Spielhalle kam. Fingierter Streit mit der Ehefrau, um aus dem Haus in die Spielhalle zu rennen.
 

Die Roulettekugel rollt nur so lange bis gar nichts mehr geht und die Spieler vor dem Ruin stehen

Die Roulettekugel rollt nur so lange bis gar nichts
 mehr geht und die Spieler vor dem Ruin stehen
 

Die Gruppe wertet und verurteilt nicht. Jeder hat das Recht darüber zu sprechen, was ihn bewegt. Oft starten sie mit einem persönlichen Wochenrückblick oder sie legen ein Tagesthema fest. Oft gibt es einen Gedanken zum Tag oder einer der zwölf Schritte wird diskutiert.
 Die Zwölf-Schritte sind das übernommene spirituelle Programm der Anonymen Alkoholiker, um Süchtige zur Abstinenz und einem neuen Lebensstil zu verhelfen. „Diese Schritte bergen solch einen Genesungsreichtum. Wir lesen gemeinsam die religiösen Texte, die uns aufzeigen, wie wenig Einfluss wir auf viele Dinge haben“, schwärmt Uwe, 44. Daran ergründen sie, was dahinter steckt und woran jeder noch wachsen könne. Sie wollen bessere und glücklichere Menschen werden und nicht nur mit etwas aufhören. „Dieses System ist sehr psychologisch und total klug“, ergänzt Chris.
 

Nach der Sucht ist vor der Sucht

Es ist ein langer Weg, um ein trockener Spieler zu werden. Die Gruppenteilnehmer sind zwischen einem und vier Jahren abstinent. Von einer Heilung spricht jedoch keiner. Nur davon, die Sucht unter Kontrolle zu haben. Suchtberater Stefan Fischer spricht von der „stabilen zufriedenen Abstinenz“, wenn die Glücksspieler sich ihrer Sucht bewusst sind und dauerhaft ohne Suchtdruck auf das Spielen verzichten können. Mike, 37, erklärt sich das so: „Mir kam mein Selbstwertgefühl abhanden und durch die Gruppe baue ich es wieder auf. Je mehr Selbstachtung ich habe, umso weniger anfällig bin ich.“ Dann schließt sich die Tür des Gruppenraums, und somit der anonyme Raum, den sie sich wahren möchten.
 
 *Quelle: Landesstelle Glücksspielsucht in Bayern
 Alle Namen von der Redaktion geändert.

 

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