Fluchtwege

Wenn sich Fluchtwege in Deutschland kreuzen

Eine Momentaufnahme in Zeiten neuer Flüchtlingsrekorde: Einblicke in die Arbeit einer außergewöhnlichen Helferin in Neuötting

Ein Bericht von Astrid Kösterke

Im Pfarrhaus neben der evangelischen Kirche Neuötting geschehen manchmal Wunder, zumindest kleine. Nämlich dann, wenn dort Einheimische und Asylbewerber zum „Café International“ zusammenkommen. Initiiert hat diese Aktion Katharina Hantschmann (52), zusammen mit weiteren Mitgliedern der evangelischen Kirche und des Helferkreises des Asylbewerberheimes. Mit großem Engagement hilft sie vielen Menschen am Ende der Flucht, ihr Leben und ihren Alltag zu bewältigen und in Deutschland anzukommen.
 



 

'Café International': Katharina Hantschmann in Aktion (hinten im Bild, neben der Karte)

'Café International': Katharina Hantschmann in Aktion
 (hinten im Bild, neben der Karte)
 

Die Idee des „Café International“ ist es, Menschen verschiedener Kulturen miteinander ins Gespräch zu bringen und sich ganz unverbindlich und unkompliziert kennen zu lernen. Das Vorbild dazu hat ein Gesellschaftsspiel gleichen Namens geliefert, bei dem Gäste verschiedener Nationalitäten, symbolisiert durch Kärtchen, an den Tischen eines Cafés platziert werden.
 Katharina Hantschmann, die in Neuötting lebt und hauptberuflich als Referentin in einem Museum in München arbeitet, erfuhr von einem solchen Café in Traunstein. Sie war sofort von der Idee begeistert: „Genau das ist es. Es ist so unverbindlich, niedrigschwellig, jeder kann einfach vorbeischauen. Man organisiert es bewusst so, dass an jedem Tisch mehrere Nationen vertreten sind – nicht, dass dann jeweils nur Deutsche, Afghanen oder Syrer an einem Tisch sitzen. So ergeben sich neue Kontakte und es ist eine Chance für Flüchtlinge, aufgeschlossene Deutsche kennen zu lernen. Einer der Asylbewerber hat beispielsweise ein Fahrrad bekommen, ein anderer auf diese Art und Weise einen Nachhilfelehrer für Mathematik gefunden. Diese kleinen Hilfestellungen haben schnell funktioniert. Das hat mich sehr gefreut“, so Katharina Hantschmann.
 
 

Vom Fasten und Feiern


 Beim Erzählen merkt man, dass diese Aktion für die Organisatorin eine Herzensangelegenheit ist. Ihre Begeisterung ist verständlich, denn die beiden ersten „Cafés“ im Juni und Juli 2014 waren ein großer Erfolg. Beim ersten Mal kamen 70 Personen, beim zweiten Mal schon über 100 Gäste. Das erklärt sich Katharina Hantschmann auch damit, dass es gerade die Zeit des muslimischen Fastenbrechens nach dem Ramadan war und man gemeinsam kochen, feiern und über die Bedeutung des Fastens sprechen konnte.
 Da sie bei den Asylbewerbern auch Deutschunterricht gibt, konnte sie das Thema noch weiter vertiefen – und dabei ganz nebenbei für sich selbst lernen: „So habe ich verstanden, wie viel Kraft ihnen das Fasten gibt, das wir ja im Christentum auch kennen. Da gehört eben nicht nur das Nicht-Essen dazu, sondern auch, sich keine schlechten Gedanken zu machen und Beleidigungen oder Aggressionen bewusst zu vermeiden. Das täte uns auch nicht schlecht. Es ist wichtig, darüber zu sprechen, dass es nicht etwas Bedrohliches ist, was sie da machen, sondern dass man zumindest ein bisschen versteht, warum ihnen dabei bestimmte Dinge wichtig sind.“
 Katharina Hantschmann kümmert sich im Asylbewerberheim auch um die Vermittlung unserer gesellschaftlichen Regeln und Werte. Dazu hat sie mit dem Helferkreis eigens wichtige Verhaltensregeln zusammengestellt, einschließlich deutscher Pünktlichkeit. Sie ist der Überzeugung, dass vieles aus Unwissenheit geschieht – so, wie ein Deutscher als Tourist im Ausland ins Fettnäpfchen treten kann.
 
 

Durch eine fremde Welt die eigene sehen


 Katharina Hantschmann geht es um mehr als die Beschäftigung mit unverständlichen Amtsschreiben oder andere Sorgen der Asylbewerber. Durch die Arbeit mit Menschen aus anderen Kulturkreisen schärfe sich das Bewusstsein für die eigenen Lebensverhältnisse und gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland: „Man wird sehr schnell sehr dankbar für sein eigenes Leben. Junge Leute in Deutschland wissen oft gar nicht, welches Glück sie haben, hier in Frieden aufzuwachsen und in die Schule gehen zu können. Wenn Konfirmanden bei uns im Café übersetzen helfen – manche Asylbewerber sprechen Englisch, aber kaum Deutsch –, lernen sie die Welt mit den Augen der Flüchtlinge zu sehen. So ein Perspektivenwechsel ist in dieser egoistischen Gesellschaft sehr wichtig.“
 Hier spielt für Katharina Hantschmann auch ein eigenes prägendes Erlebnis eine Rolle: Ihr Besuch als Schülerin in der KZ-Gedenkstätte Dachau, wo ihr bewusst wurde, was damals sozusagen vor der eigenen Haustür passiert war. Heute sind es Asylbewerber und Flüchtlinge, die vor der eigenen Haustür ankommen, sei es, weil sie gezielt nach Deutschland wollen, oder weil sie zufällig hier landen. „Wenn die Jugendlichen hören, dass der Vater eines jungen Flüchtlings erst gefoltert und dann tot vor die Tür gelegt wurde, wie die Familie fliehen musste, welche Strapazen und Gefahren sie auf der Flucht erlebt haben. Da wird man demütig, dankbar und auch bereiter, diesen Menschen Hilfestellung zu leisten.“
 


 



 
 Dr. Katharina Hantschmann ist Expertin für Keramik und Porzellan. Sie lebt in Neuötting und ist verheiratet mit dem Gynäkologen Dr. Peer Hantschmann. Ihre beiden Töchter kommen auch zum „Café International“. Sie sind stolz auf das Engagement ihrer Mutter, auch wenn sie dadurch selbst manchmal zurückstecken müssen.
 
 In Neuötting gibt es seit etwa fünf Jahren ein großes Asylbewerberheim mit 120 Bewohnern. Damals bildete sich auf Initiative des Bürgermeisters ein freiwilliger Helferkreis, zu dem Katharina Hantschmann seit zweieinhalb Jahren gehört. Im gesamten Landkreis Altötting sind im Sommer 2014 etwa 300 Asylbewerber untergebracht, so viele wie noch nie. Bis Jahresende könnte ihre Zahl auf 550 steigen.
 
 

 



 
 Weitere Informationen:
 
 Flüchtlingsrat Bayern
 
 Kirchengemeinde Altötting

 
 Wie ist die Meinung der Menschen in Deutschland zu Integration und Zuwanderung? Dieser Frage widmet sich die Studie ZuGleich. Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) im Auftrag der Stiftung Mercator
 

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