Fluchtwege

Ein Leben auf Schienen

Eine Glosse von Sabine Gaumert


Heute sind Kinder die Modelleisenbahn ihrer Eltern.

Heute sind Kinder die Modelleisenbahn ihrer Eltern.

„Schaffen Sie sich ein Projekt fürs Leben, bekommen Sie ein Kind!“ Mit diesem Slogan werden heute junge Paare fürs Elternsein begeistert. Früher wurde die Modelleisenbahn im Keller nach und nach ausgebaut. Heute sind Kinder die planerischen und technischen Meisterwerke ihrer Eltern.
 
 Natürlich müssen die finanziellen Voraussetzungen stimmen, bevor ein Kinderwagen an den Familienzug angekoppelt wird. Das blau-rosa Kinderzimmer, Biogemüse und Markenkleidung sind schließlich nicht billig. Später kommen dann der bilinguale Kindergarten, Smartphone und eine Flugreise pro Jahr dazu. Außerdem lernt das Kind Klavier oder Geige und betreibt mindestens eine Sportart. Es erhält privaten Sprachunterricht, am besten in Chinesisch, und Nachhilfe. Auch die Finanzierung für das Studium an einer amerikanischen Eliteuniversität muss gesichert sein. Bietet man dem Wunschkind diese Voraussetzungen nicht, wird es in die PISA Falle tappen. Es hat keine Chancen auf dem immer härter umkämpften Akademikermarkt zu bestehen und landet auf dem Abstellgleis. Dank des vollen Elterneinsatzes wird es aber etwas Besseres als Mama und Papa. Transrapid statt ICE.
 
 Das perfekte Kind, beherrscht vom Tag seiner Zeugung an auch das perfekte Timing. Es wartet, bis die Wohnung kindgerecht eingerichtet ist und Mama ihren Körper mit Vitaminpillen auf die Schwangerschaft vorbereitet hat. Nistet es sich schon früher in der Gebärmutter ein, ist es nicht das perfekte Kind. Also wird abgetrieben. Ist das Kind erst einmal da, erhält es die bestmögliche Rundumbetreuung. Die Mama kommt nicht nur mit zum ersten Schultag. Sie lässt sich auch an der Uni noch erklären, wie die Bibliothek funktioniert. Allzeit bereit, die Weichen für den Junior zu stellen. Das Kind kann sich voll und ganz seiner Selbstoptimierung widmen. Viel Platz für Selbstentfaltung bleibt ihm nicht. Die Eltern haben sich den Lebensweg vor der Geburt ausgesucht, die Gleise gelegt und alle Zwischenhalte geplant. Der Nachwuchs muss nur noch ihrem perfekten Fahrplan folgen.
 
 Vor rund 20 Jahren wurden Abtreibungen in Deutschland legalisiert. Damals debattierten Befürworter und Gegner darüber, was mehr wert sei: Das Recht der Mutter auf Selbstbestimmung, oder das Recht des Kindes auf Leben. Angesichts der Kindoptimierungspanik vieler Paare besteht dieses Dilemma nicht mehr. Die beiden Prinzipien wurden miteinander verbunden: Das Kind hat ein Recht darauf so zu leben, wie Mama und Papa das wollen – ein Zug fährt eben auf Schienen. Man kann nur hoffen, dass das Kind bei all dem Druck entgleist und seinen Eltern den Vogel zeigt.
 

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