Fluchtwege

Migration – Ankommen – Integration?

Alle Flüchtlinge bringen etwas mit, auch wenn sie ohne Gepäck in Deutschland ankommen: Ihre Kultur und ihre Identität. Was passiert damit?

Ein Interview von Astrid Kösterke

Die Zahl der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge erreicht im Sommer 2014 neue Rekorde. Im ersten Halbjahr 2014 wurden in Deutschland 77.109 Asylanträge gestellt, davon 67.441 Erstanträge. Im Juli waren es dann 19.431 (16.191 Erstanträge). Das bedeutet eine Steigerung um rund 75 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat im Vorjahr. Grund genug, jenseits von Statistiken mit der Historikerin Prof. Marita Krauss über Flüchtlinge und Migranten aus anderen Kulturkreisen zu sprechen.
 



 

Wenn Menschen aus Serbien, Syrien oder Eritrea in Deutschland ankommen, haben sie mit ihrer Heimat auch die vertraute Kultur verlassen. Welche Formen des Ankommens in der neuen Kultur und der Integration gibt es?
 Bei den verschiedenen Integrationsmodellen ergibt sich immer die Frage, ob man sich völlig auflöst in der neuen Kultur und möglichst gar nicht mehr zu unterscheiden ist, oder ob man seine bisherige Identität weiter behält. Assimilation, das wäre die gewalttätige Variante der Anpassung: Ich muss mich jetzt so angleichen, dass man mich überhaupt nicht mehr unterscheiden kann. Und das andere Extrem in diesem Spektrum wäre das Verbleiben in der bisherigen Kultur. In Deutschland haben wir das auch, zum Beispiel bei Türkinnen, die kaum Deutsch können, obwohl sie schon viele Jahre hier leben. Das ist diese Idee der Parallelgesellschaft, wo man sagen muss, das geht eigentlich nicht, weil diese Menschen überhaupt nicht teilnehmen an der Gesellschaft.
 
 Wie ist das mit der Identität – kann man die wechseln oder austauschen?
 Psychologisch ist es ganz klar, da gibt es Studien dazu: Du kannst deine eigene Identität nicht ablegen. In der zweiten oder dritten Generation von Migranten gibt es teilweise mehr Psychosen oder psychische Auffälligkeiten. Die Identität, mit der du geboren wirst, mit der Sprache, mit der Umgebung, das ist ein Teil von dir, das wirst du immer behalten.
 

Zwei Identitäten? Und was ist hinter der Maske?

Zwei Identitäten? Und was ist hinter der Maske?

Gibt es ein Modell, von dem Sie sagen, das wäre die ideale Form, um mit verschiedenen Identitäten umzugehen?
 Ich bin eine Verfechterin der Forschungsrichtung, die von hybriden Kulturen spricht. Das ist wie bei einem Hybrid-Motor, wo du mit zweierlei Kraftstoff unterwegs bist, das heißt beispielsweise du bist dann Sudetendeutscher und Bayer. Man trägt die Elemente der verschiedenen Kulturen in sich, auch wenn einem selbst das nicht immer bewusst ist. Deswegen finde ich es gut zu sagen: Du hast deine innere Kultur, das, was du mitgebracht hast im unsichtbaren Fluchtgepäck, an Gutem, an Schlechtem, alles was man so mit sich rumträgt in seinem Leben. Das finde ich eigentlich die zivilisierteste Form, damit umzugehen.
 
 Wie zeigt sich das im ganz normalen Alltag?
 Da habe ich ein wunderbares Beispiel. Wir haben Interviews gemacht und eine Frau aus Südmähren erzählt: Sie zieht ins Seniorenheim und die Bewohner stellen sich vor. Dabei erfährt sie, dass etliche andere auch von dort stammen „und dann haben wir ständig über Südmähren geredet…“. Das heißt, sie kommt jetzt im Altersheim wieder nach Südmähren und plötzlich wird diese alte Heimat wieder ganz stark.
 
 Was können die Medien tun, um in der deutschen Bevölkerung die Akzeptanz von und die Unterstützung für Flüchtlinge zu erhöhen?
 Die Presse ist meines Erachtens durchaus auf Seiten derer, denen es in unserer Gesellschaft nicht gut geht. Sie sollte dafür sorgen, dass die Entwicklung der Flüchtlingsströme wahrgenommen wird und die Hilfsbereitschaft positiv unterfüttern. Dazu gehört die Schilderung von Einzelschicksalen aus der anonymen Masse der Flüchtlinge, auch um Mitleid, Mitleiden und Zuwendung zu erreichen. Denn die Menschen geraten oft unverschuldet in Elend, leben unter schlimmen Bedingungen, fliehen vor Umweltkatastrophen, vor Massenverfolgungen. Wir haben durch unseren Wohlstand schon die Verpflichtung, da zu helfen. Das ist eine Botschaft, die die Medien vermitteln sollten. Migration ist nicht nur unterschichtlich, so etwas kann jedem passieren.
 
 Wie meinen Sie das – das kann jedem passieren?
 Es gibt ein schönes Beispiel, an dem man das zeigen kann, dass Migration viele Gesichter haben kann. Bei einer Fortbildung haben die Ausbilder gefragt: Wo kommt Ihr her, wer hat Migrationshintergrund? Da gingen ein paar auf die eine Seite, die übrigen auf die andere. Dann wurden immer mehr Merkmale angesprochen, die auch mit Wanderungen zu tun haben, und am Schluss standen alle auf einer Seite: Manche sind aus beruflichen Gründen weggezogen, manche vom Dorf in die Stadt gezogen. Alle waren irgendwie Migranten, alle haben ihre Heimat verlassen. Plötzlich hast du tatsächlich das Bewusstsein, dass alle so eine Art Migrationshintergrund haben mit Ortswechsel, mit Verlust des heimatlichen Umfeldes. Das wird eben unterschiedlich wahrgenommen und hat auch unterschiedlich schwere Folgen. Ich finde, darauf hinzuwiesen, dass wir alle solche Erfahrungen teilen, das ist eine große globale Erfahrung in der Welt – das ist ein Menschheitsschicksal.
 
 



 

Prof. Dr. Marita Krauss ist Lehrstuhlinhaberin für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte an der Philologisch-Historischen Fakultät der Universität Augsburg. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Migrations- und Integrationsgeschichte des 20. Jahrhunderts sowie die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht und Vertreibung.
 
 
 
 
 



 

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