Fluchtwege

CHABOLAS

Fotografien von Rainer Viertlböck

Im Süden Spaniens leben Tausende illegaler afrikanischer Flüchtlinge in selbstgebauten Hütten, den so genannten Chabolas. Sie kommen nach Europa, in der Hoffnung, hier als Tagelöhner Arbeit zu finden. Unter armseligsten Bedingungen, ohne fließendes Wasser, haben sie ihre Ansiedlung allein aus recyceltem Müll der Erdbeerplantagen, in direkter Nachbarschaft dazu errichtet. Rainer Viertlböck, international renommierter Architekturfotograf ist bekannt für seine High End Aufnahmen von der Allianz Arena oder dem Flughafen in Bangkok. Mit „Chabolas“ präsentiert er Fotoarbeiten von menschenleerer Architektur, die mit ihrer Genauigkeit und Präzision viel über die Menschen erzählt, die dort leben.


Slum-Architektur: Mehr als nur ein Dach überm Kopf

Slum-Architektur: Mehr als nur ein Dach überm Kopf

Leben ohne fließendes Wasser

Leben ohne fließendes Wasser

Wohnraum für zehn Menschen

Wohnraum für zehn Menschen


Beeindruckende Behausung

Beeindruckende Behausung

Monumental, farbenfroh und einladend vermitteln die zwölf großformatigen Arbeiten, die im „BOSCO“ im Münchner Vorort Gauting ausgestellt sind, worauf es Rainer Viertlböck ankommt: „Mich beeindruckte an Chabolas die Würde und die Disziplin der Bewohner. Ich versuche diesen von mir empfundenen Respekt in meinen Bildern einzufangen“.
 
 Viertlböck lebte lange im Spanien und entdeckte auf seinen zahlreichen Fahrten im schönen Süden die slumähnlichen Hütten bei Huelva, „denen ich mich eigentlich gar nicht nähern wollte, weil es meistens nichts Gutes bedeutet, da wird man sonst nur um Geld gebeten oder ist seine Kamera los.“ Als ihm klar wurde, dass er bewusst versuchte das Gesehene auszublenden, ging er hin: Entstanden sind berührende Fotoarbeiten, weder journalistisch noch dokumentarisch. Viertlböcks Bilder sprechen seine eigene, andere Sprache. „Ich hab das mit der gleichen Sorgfalt gemacht, mit der ich High End fotografiere, wie zum Beispiel Helmut Jahns Wolkenkratzer in New York; wieso auch nicht, wieso sollte ich das schludrig machen und das andere nur deshalb mit immenser Sorgfalt, weil genug Geld da ist?“
 
 Berührt haben ihn während der monatelangen Begegnungen die innere Haltung und Gefasstheit, mit der die Bewohner ihr Leben ohne Perspektive fristen. „Die Scham der Menschen, die dort wohnen ist so groß, dass die auf keinen Fall wollen, dass man zu Hause sieht, unter welchen Umständen sie in Europa leben“, erzählt Rainer Viertlböck.
 Rund 90 Prozent der größtenteils afrikanischen Migranten auf den Plantagen haben ein sehr hohes Bildungsniveau, stammen aus dem akademischen Mittelstand. “Du triffst da zahllose Leute, die im Minimum fünf Sprachen sprechen. Ihre Familien haben sich hoffnungslos verschuldet, um die immensen Schlepperkosten zu bezahlen, in der Hoffnung, so wenigstens etwas Geld aus Europa zu erhalten.“ Eine Rückkehr in die Heimat ist deshalb ausgeschlossen.
 

Plantagenmüll als Rohstofflager

Plantagenmüll als Rohstofflager

In filigraner Bauweise sind die Hütten aus recycelten Abfallmaterialien wie Rankhilfen, Plastikplanen, Obstkartonagen und Holz von Transportpaletten errichtet. Ausrangierte Kanister chemischer Pflanzenschutz- und Düngemittel sind jetzt als Wasserbehälter in Gebrauch. „Bei denen ist es ordentlicher als in meinem 30 Quadratmeter großem Atelier“, witzelt Viertlböck mit Galgenhumor, „obwohl in jeder Behausung bis zu zehn Menschen leben. In meinen Augen haben es sowohl die Bewohner als auch die Hütten verdient, über den Mitleidsblick hinaus mit Respekt gesehen zu werden.“
 Parallel zu Viertlböcks derzeitiger Ausstellung in Gauting läuft eine weitere im Münchner Rathaus „Der neue Blick auf München“. Viertlböcks Blick auf die Chabolas vermittelt darüber hinaus wieder einmal deutlich, dass Architektur mehr ist als nur ein Dach über dem Kopf.
 
 
 Bis 26. Oktober 2014
 bosco Bürger- und Kulturhaus
 Oberer Kirchenweg 1
 82131 Gauting
 Eintritt frei
 
 Bosco Gauting
 Tangential
 

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