Der Stoff, aus dem die Beutel sind

Vom Öko-Beutel zur Handtasche und zurück – die Stofftasche von heute trägt Einkäufe, Alltagskram und das Umweltbewusstsein ihres Besitzers. Der Handel sollte schleunigst auf den modischen Öko-Zug aufspringen.

Kletterbeutel von Spangeltangel Foto: Ina Freudenberger

Kletterbeutel von Spangeltangel
 Foto: Ina Freudenberger
 

In der Münchner S8 mit Halt in Daglfing, Sitz einer Waldorfschule, sind sie mir zum ersten Mal aufgefallen: Stoffbeutel über aller Schüler Schultern. Vor allem in der Oberstufe scheint Jute momentan ein Muss. Da ersetzt der Beutel den Schulranzen komplett, oder dient als zusätzliche Tragehilfe für Sportsachen oder sperrige Atlanten. Beliebt ist die Stofftasche von Adidas, aber auch die weniger durchgestylte Variante vom Supermarkt nebenan wird zur Schau getragen. Ein vormals als „öko“ abgekanzelter Gebrauchsgegenstand ist jetzt „in“ – Umweltbewusstsein mit Style sozusagen. Ein großartiger Trend.

Die Stofftasche erobert den Laufsteg

Jetzt ließe sich natürlich von der pädagogischen Ausrichtung der Schule auf das ökologische Bewusstsein der Schüler schließen. Aber wer mit aufmerksamem Blick durch die Münchner Innenstadt, durch Szeneviertel und über Luxusmeilen läuft, sieht auch dort immer mehr Stoff statt Plastik. Nicht nur Alt-Hippies in Sandalen und langhaarige Greenpeace-Aktivisten tragen Jute, sondern auch hippe Damen in Röhrenjeans und Yuppies im Sakko mit übergroßer Hornbrille. Sicherlich spielt da nicht immer das Umweltbewusstsein des Trägers eine Rolle, sondern die modische Ausrichtung.

Der stilsichere Münchner trägt heutzutage Stofftaschen mit ironischen Aufdrucken wie „Des Wahnsinns fetter Beutel“ oder „My other bag is Chanel“. Auch als Urlaubs-Souvenirs vom letzten Städte-Trip oder um Heimatverbundenheit zu demonstrieren sind die Beutel beliebt: In jedem Touri-Shop lassen sich Taschen erwerben mit dem Buchstaben „I“ nebst Herz und dem Namen der jeweiligen Stadt darauf. Das funktioniert natürlich auch mit anderen Vorlieben. Ob Sportler, Bandname, oder Modelabel im Aufdruck – der Beutel zeigt an, wofür Herz des Trägers in seiner Freizeit schlägt. Früher bot der Stoffbeutel viel Platz für wenig Geld. Heute dient er als Handtaschenersatz mit Lässigkeitsfaktor.

Ökologisch klar im Vorteil

Kosmetiktasche mal anders Foto: Ina Freudenberger

Kosmetiktasche mal anders
 Foto: Ina Freudenberger
 

Als praktische Tragehilfe für des Einkaufswahns Beute ist die Stofftasche natürlich immer noch im Einsatz – sowohl die Designertasche als auch die altbackene Variante aus dem Supermarkt, die ganz ohne modische Farben und lustige Sprüche auskommt.

Dabei erreicht der Stoffbeutel ergonomisch gesehen sicher nicht die besten Haltungsnoten. Doch er hält länger als die Plastiktüte, enthält im Gegensatz zur Variante aus Kunststoff kein Erdöl und besser halten lassen sich die weichen Tragegriffe auch. Sogar lässig über die Schulter lässt sich der Beutel werfen dank längerer Henkel. Und sollte er nach treuen Dienstjahren den 1000sten Waschgang nicht überleben, zerfällt er ziemlich schnell zu Staub. Im Gegensatz zur Plastik-Konkurrenz: Die braucht mal eben 500 Jahre, um zu verrotten. Die Glanzstücke unter den Ökotaschen werden aus Bio-Baumwolle und nach dem Fair Trade-Prinzip produziert, vorzugsweise regional. Da gibt es dann das reine Gewissen inklusive.

Noch kein Ende des Plastikwahns in Sicht

Bleibt zu hoffen, dass auch bei den Designerstücken ökologische und sozialverantwortliche Faktoren eine Rolle spielen. Und dass dieser umweltschonende Trend die Einweg-Plastiktüte endlich komplett verbannt. Pro Jahr werden in Deutschland laut Umweltbundesamt nach wie vor 65 Plastiktüten pro Kopf verbraucht. Scheint auf den ersten Blick gar nicht so dramatisch. Heißt aber, dass jeder Deutsche im Durchschnitt mindestens eine neue Tüte pro Woche nach Hause trägt. Das macht bundesweit fünf Milliarden Plastiktüten pro Jahr oder eindrucksvolle 10.000 Tüten pro Minute.

Lokalkolorit von servus.heimat Foto: Ina Freudenberger

Lokalkolorit von servus.heimat
 Foto: Ina Freudenberger
 

Dass die Stofftasche nachhaltiger ist als die Plastiktüte ist wohl insgeheim allen klar. Den einfachen Beutel für den Wocheneinkauf hat vom Studenten über den Yuppie bis zum Rentner fast jeder in der Schublade oder einsatzbereit im Kofferraum liegen. Gemüse, Milch und Putzmittel so nach Hause zu tragen muss keinem mehr peinlich sein. Anders sieht es beim lustvollen Freizeitshopping aus. Selbst der ökologisch vorgebildete Einkäufer geht ab und zu unvorbereitet aus dem Haus oder verfällt dem Spontankauf und hat keine Mehrweg-Alternative parat.

Natürlich spielt auch die Art der gekauften Produkte eine Rolle. Wer mag schon den neuen Kaschmirpulli in einen zerknitterten Jutesack stecken, in dem vorher der Wocheneinkauf den Heimweg antrat und Brotkrümel hinterließ? Da scheint die glänzende Einwegverhüllung aus aalglattem Plastik naheliegend, also her mit der Tüte. Aber ließe sich nicht auch hier eine schicke und gleichzeitig umweltfreundliche Alternative forcieren?

Noch nötiger sind umweltfreundliche Verpackungslösungen in den Bergsportläden, die hier im Voralpenland wie Pilze aus dem Boden schießen. Wenn die nachhaltig produzierte Outdoorjacke mit Ökosiegel für den naturverbundenen Wanderer in übergroßer Erdöl-Plastiktüte daher kommt, ist das schlicht absurd.

Der Einzelhandel ist am Zug

Höchste Zeit also, dass der hippe Stoffbeutel vom Arm des Einzelnen auf den gesamten Einzelhandel übergeht. Bei jedem Einkauf – ob Designerstück oder Gebrauchsartikel – sollte der Kunden eine schicke Tasche für die Ewigkeit wählen können. Und zwar zu einem günstigeren Preis als die Plastikvariante. Und wo es trotzdem nur Plastiktüten gibt, sollte der umweltbewusste Konsument in Zukunft nicht mehr einkaufen. Oder triumphierend mit der schicken Ökotasche wedeln und rufen „Hah, Plastik kommt bei mir nicht in die Tüte!“